Mit Licht gezeichnet: Wie die Erfindung der Fotografie unsere Welt einfror
Stell dir vor, du nimmst dein Smartphone aus der Tasche, tippst auf den Bildschirm und – knips! – hast du ein perfektes Foto von deinem Hund, deinem Essen oder deinen Freunden gemacht. In Sekunden teilst du es mit der ganzen Welt auf Social Media. Das ist für uns völlig normal. Aber spulen wir die Zeitmaschine einmal rund 200 Jahre zurück. Im Jahr 1800 gab es keine Displays, keine Speicherchips und kein einziges Foto auf der Erde. Wenn man das Aussehen von Menschen, fernen Ländern oder historischen Momenten festhalten wollte, musste man einen Maler engagieren. Das war extrem teuer, dauerte Tage und war oft ungenau. Die Erfindung der Fotografie war eine echte Revolution – eine wilde Mischung aus Chemie, Physik, Magie und jeder Menge Geduld.
Der Weg zum ersten Foto begann mit einem uralten physikalischen Trick: der Camera Obscura. Das ist Lateinisch und bedeutet einfach “dunkle Kammer”. Schon vor Jahrtausenden bemerkten schlaue Köpfe wie der griechische Philosoph Aristoteles, dass etwas Seltsames passiert, wenn man in ein völlig dunkles Zimmer ein winziges Loch in die Wand bohrt. Das Licht, das durch dieses Loch fällt, wirft ein Bild der Außenwelt auf die gegenüberliegende Wand – allerdings steht das Bild komplett auf dem Kopf! Künstler nutzten diesen Effekt später als Zeichenhilfe, indem sie die Umrisse der Projektion einfach mit einem Stift abmalten. Aber das Bild war weg, sobald die Sonne unterging. Wie konnte man dieses flüchtige Lichtbild nur für immer festhalten?
Der Erste, dem dieses Kunststück gelang, war der französische Erfinder Joseph Nicéphore Niépce im Jahr 1826. Er war kein guter Zeichner, also suchte er nach einem chemischen Weg, das Licht einzufangen. Er bestrich eine Zinnplatte mit einer Art natürlichem Asphalt, der unter Lichteinfluss hart wurde. Diese Platte schob er in seine Camera Obscura und richtete sie aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf den Innenhof. Jetzt hieß es: warten. Und zwar verdammt lange! Erst nach mindestens acht Stunden Belichtungszeit war das Bild fertig. Da die Sonne in dieser Zeit einmal über den Himmel gewandert war, waren auf dem fertigen Bild seltsamerweise beide Seiten der Gebäude beleuchtet. Es war extrem unscharf und pixelig, aber es war das allererste dauerhafte Foto der Menschheit: “Der Blick aus dem Fenster in Le Gras”.
Niépces Methode war genial, aber für Schnappschüsse absolut unbrauchbar. Niemand konnte acht Stunden lang stillsitzen, ohne sich zu bewegen! Hier kam ein anderer Franzose ins Spiel: Louis Daguerre. Er war ein echter Showman, Theatermaler und geschäftstüchtig. Daguerre tat sich mit Niépce zusammen, und nach dessen Tod forschte er verbissen allein weiter. Er experimentierte in seinem Labor mit hochgefährlichen Chemikalien. Schließlich fand er heraus, dass versilberte Kupferplatten, die mit Joddampf behandelt und anschließend mit giftigem Quecksilberdampf entwickelt wurden, viel lichtempfindlicher waren. Im Jahr 1839 stellte er seine Erfindung, die “Daguerreotypie”, der Öffentlichkeit vor. Plötzlich schrumpfte die Belichtungszeit von acht Stunden auf nur noch wenige Minuten!
Das war der weltweite Durchbruch. Die Menschen waren völlig aus dem Häuschen. Jeder wollte ein solches “Lichtbild” von sich haben. Weil man aber immer noch mehrere Minuten lang wie versteinert dasitzen musste, erfand man gruselig aussehende Nackenstützen aus Eisen, die hinter den Stühlen versteckt wurden, um die Köpfe der Kunden absolut ruhig zu halten. Das ist auch der Grund, warum auf den ersten Fotos der Geschichte fast niemand lächelt: Ein Lächeln minutenlang exakt gleich einzufrieren, ist fast unmöglich und führt schnell zu schmerzvollen Muskelkrämpfen. Ein ernster, starrer Blick war da viel einfacher!
Die Daguerreotypie hatte jedoch einen riesigen Haken: Jedes Foto war ein absolutes Einzelstück auf einer Metallplatte. Man konnte es nicht kopieren. Dieses Problem löste der englische Naturwissenschaftler William Henry Fox Talbot fast zeitgleich. Er erfand das Negativ-Positiv-Verfahren auf Papier. Dabei entstand beim Fotografieren zuerst ein Bild mit vertauschten Farben (das Negativ). Von diesem Negativ konnte man dann beliebig viele normale Bilder (die Positive) auf lichtempfindlichem Papier abziehen. Das war der eigentliche Vorläufer der modernen analogen Fotografie, wie wir sie bis zur Erfindung der Digitalkamera kannten.
Wusstest du eigentlich, woher das Wort “Fotografie” kommt? Es wurde aus den griechischen Wörtern “phos” (Licht) und “graphein” (zeichnen oder schreiben) zusammengesetzt. Fotografieren bedeutet also wörtlich übersetzt nichts anderes als “mit Licht zeichnen”. Ein wunderschöner Name für eine Erfindung, die unsere Welt für immer verändert hat. Wenn du das nächste Mal auf dein Handydisplay tippst, denk kurz an die Erfinder zurück, die stundenlang vor einem Fenster saßen, nur um einen einzigen Sonnenstrahl einzufangen!
Was bedeutet der Begriff ‘Camera Obscura’ übersetzt und wie funktioniert sie grundlegend?
Wer erfand das erste dauerhafte Foto der Welt und in welchem Jahr war das?
Welches ungewöhnliche Material nutzte Joseph Nicéphore Niépce, um das Licht auf der Zinnplatte haltbar zu machen?
Wie lange musste Niépce seine Kamera für das erste Foto belichten und welches Problem ergab sich dadurch für die Schatten im Bild?
Welchen großen Fortschritt brachte die ‘Daguerreotypie’ von Louis Daguerre für die Fotografie?
Warum wurden bei frühen Porträtaufnahmen eiserne Nackenstützen verwendet?
Aus welchem Grund lächeln die Menschen auf den ältesten Fotografien der Welt fast nie?
Welchen entscheidenden Vorteil hatte das von William Henry Fox Talbot entwickelte Verfahren gegenüber der Daguerreotypie?
Aus welchen zwei griechischen Wörtern setzt sich der Begriff ‘Fotografie’ zusammen und was bedeuten sie?
Wie hat die Erfindung der Fotografie die Arbeit von Malern im 19. Jahrhundert beeinflusst?
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