Der Funke im Chaos: Wie das Internet geboren wurde
S01:E10

Der Funke im Chaos: Wie das Internet geboren wurde

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Der Funke im Chaos: Wie das Internet geboren wurde

Wir schreiben das Jahr 1969. Die Welt befindet sich im eisigen Griff des Kalten Krieges. Überall herrscht die nackte Angst vor dem atomaren Overkill. Das US-Militär steht vor einem scheinbar unlösbaren Problem: Ihre gesamte Kommunikation basiert auf einem zentralen Nervensystem. Wenn die Sowjets dieses eine logistische Zentrum treffen, bricht das gesamte Land augenblicklich zusammen. Keine Befehle mehr, kein Gegenschlag – totale Lähmung. Es ist die Geburtsstunde einer absolut revolutionären, fast schon absurden Idee: Was, wenn man ein Netzwerk baut, das überhaupt keinen Kopf hat? Ein dezentrales System, das einfach weiterfunktioniert, selbst wenn die Hälfte des Landes in Schutt und Asche liegt?

Die Architekten dieses visionären Projekts sind überraschenderweise keine eiskalten Militärs, sondern eine Handvoll junger, oft unkonventioneller Computerpioniere an amerikanischen Universitäten, finanziert von der Forschungsbehörde ARPA. Ihr Vordenker, J.C.R. Licklider, träumt schon früh von einem „intergalaktischen Computernetzwerk“. Die Fachwelt lacht ihn damals aus. Computer sind Ende der 1960er-Jahre zimmergroße, sündhaft teure und schwerfällige Rechenmaschinen, die Lochkarten fressen – niemand sieht in ihnen ein Werkzeug zur Kommunikation zwischen Menschen.

Doch am Abend des 29. Oktober 1969 wird die Vision zur Realität. In einem stickigen, von surrenden Lüftern erfüllten Labor der Universität von Kalifornien in Los Angeles sitzt der junge Programmierer Charley Kline vor einem klobigen Terminal. Sein Ziel klingt simpel, ist aber ein technologischer Drahtseilakt: Er will eine Verbindung zum Stanford Research Institute herstellen, das über 500 Kilometer weit entfernt liegt. Es ist der weltweit erste Versuch, Daten in winzigen, separaten Paketen über eine normale Telefonleitung zu schicken – das sogenannte „Packet Switching“. Anstatt eine feste Leitung dauerhaft zu blockieren, werden die Daten in kleine digitale Briefumschläge zerlegt, die sich unabhängig voneinander den schnellsten Weg durch das Land suchen und erst am Ziel wieder zusammensetzen. Geht ein Knotenpunkt verloren, nehmen die Pakete einfach eine andere Route. Genial, weil absolut krisensicher.

Charley Kline atmet tief durch. Seine Finger schweben über der Tastatur. Er soll das Wort „LOGIN“ tippen. Am Telefon hält er die Verbindung zu den Kollegen in Stanford, um in Echtzeit zu hören, was dort auf dem Bildschirm erscheint. Er tippt das „L“. „Habt ihr das L?“, fragt er mit klopfendem Herzen durch den Hörer. „Ja, wir haben das L!“, schallt es aufgeregt zurück. Kline tippt das „O“. „Habt ihr das O?“ „Ja, wir haben das O!“ Voller Zuversicht tippt Kline das „G“. Und plötzlich: Stille. Totenstille. Das System stürzt gnadenlos ab. Das erste Computernetzwerk der Menschheitsgeschichte kollabiert nach nur zwei Buchstaben. Ausgerechnet das Wort „LO“ – schwedisch für „Hallo“ oder im Englischen die Kurzform von „Siehe da!“ – wird zur allerersten Botschaft im Cyberspace. Ein holpriger, fast schon komischer Start, der dennoch alles verändert. Denn das Prinzip funktioniert. Das ARPANET ist geboren.

In den folgenden Jahrzehnten wächst dieses unsichtbare Netz unaufhaltsam weiter. Es lernt eine gemeinsame Sprache sprechen: 1983 wird das TCP/IP-Protokoll eingeführt, der Standard, der es völlig unterschiedlichen Computersystemen erlaubt, weltweit miteinander zu kommunizieren. Und Anfang der 90er-Jahre setzt der britische Physiker Tim Berners-Lee dem Ganzen die Krone auf: Er erfindet das World Wide Web – die grafische Oberfläche, die das hochkomplexe, militärisch-wissenschaftliche Netz für jeden von uns nutzbar macht.

Aus einem paranoiden Schutzshild gegen die Atombombe wurde das mächtigste Werkzeug der Menschheitsgeschichte. Es verbindet heute Milliarden Menschen, stürzt Diktaturen, erschafft gigantische Wirtschaftsimperien und treibt uns manchmal in den kollektiven Wahnsinn. Wenn du das nächste Mal eine Nachricht auf deinem Smartphone verschickst, denk kurz an diesen Abend im Oktober 1969 zurück. Du nutzt in diesem Moment eine Technologie, die gebaut wurde, um die Apokalypse zu überleben.